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SängerIn-sein und krank. Was jetzt? - Was Krankheit mit Schuld und Scham zu tun hat.

Als SängerIn, DarstellerIn krank zu sein, bedeutet auszufallen.


In den meisten Fällen bedeutet ausfallen und nicht arbeiten können gleichzeitig, dass auch ein Verdienstausfall entsteht, dass Kontakte sich vielleicht umorientieren, dass man beim nächsten Mal nicht wieder gefragt wird. Das erzeugt einen irrsinnigen Druck, gesund zu bleiben oder wenn man bereits krank ist, sehr schnell wieder fit zu sein.


Oft können wir uns gar nicht genug Zeit geben, um den Infekt wirklich komplett auszukurieren und verschleppen dann eine Schonhaltung und Erschöpfung mit in den Arbeitsalltag.


Ich habe schon wieder eine Erkältung bekommen. Dabei habe ich fast 3 Wochen mit meinem Immunsystem „gekämpft“ und alles dafür getan, dass ich gesund bleibe. Ich habe weniger gearbeitet, mir Ruhe gegönnt, Dinge getan, die mir guttun, Vitamine und heilpflanzliche Mittel genommen, meine sozialen Kontakte eingeschränkt und liebevoll mit mir selbst gesprochen, dass ich nicht krank werden muss, um eine Pause zu bekommen.

Tja, dann kamen ein paar unvorhersehbare Ereignisse und damit emotionale Themen aus meiner Kindheit um die Ecke und zack lag ich flach. Aber so richtig. Abgesehen davon, dass es mir körperlich wirklich nicht gut ging, war ich mal wieder sehr überrascht, wie mein innerer Dialog sich verändert hat.


Da war ein Gefühl von Scham und Schuld:


Dass ich es hätte besser wissen müssen, dass ich mir mehr Mühe hätte geben müssen, dass ich selbst dran schuld bin, dass ich jetzt krank bin, dass das ja so kommen musste, dass Krank-sein reflektiert, dass ich nicht weiß, wieviel ich mir zumuten kann und, dass ich deswegen unprofessionell bin in meinem Beruf als Sängerin und Gesangspädagogin.

Das erste Mal in meinem Leben konnte ich diese Sätze klar und deutlich in mir hören und in meinem Körper spüren. Das hat mich verblüfft, frustriert, geärgert und neugierig gemacht. Mein Gehirn schlug kapriolen, denn ich wusste kognitiv genau, dass ich alles, was in meiner Macht stand, getan hatte, um nicht krank zu werden.


#3 Was kann ich tun?: Drei Fragen und Kernthemen, um ganz konkret für dich etwas zu verändern


 

#1 Gibt es sowas wie Schuld beim krank sein?


Nein, ich bin der Meinung, dass so etwas wie Schuld beim krank sein nicht existiert. Auch, wenn wir bestimmt alle schon einmal den Satz gehört haben "da bist du selbst dran schuld", "das hättest du besser wissen müssen". Diese Sätze stammen bei mir, wie bei den meisten Menschen, aus der Kindheit und in dem Kontext hätten wir das wirklich nicht besser wissen können! Da war es an unseren Eltern/Versogern dafür zu sorgen, dass es uns gut geht, dass alle unsere Bedürfnisse erfüllt sind und dass für unsere Körper gesorgt ist.

Ich höre schon, wie du denkst, "das ist ja alles schön und gut, aber jetzt bin ich nun mal erwachsen und weiß es besser". Das stimmt. Auf der einen Ebene bist du erwachsen und auf der anderen hast du vielleicht die vorher beschriebene Erfahrung gemacht und diese Information, "es ist deine Schuld ",ist dir eingeimpft - egal wie real es in deiner jetzigen Situation und deinem aktuellen Kontext ist.


Ich habe nicht gewusst, dass das passiert.


Ich mag den Satz: "Ich habe nicht gewusst, dass das passiert". Mal ganz ehrlich, wir sind keine Hellseher. Wir könne Katastrophen planen und Abschätzungen über Ereignisse treffen, aber wirklich wissen, was passiert, tun wir erst, wenn die Situation da oder vorbei ist. Über setz möchte ich damit sagen:


Nur, weil du in deinen tausend Szenarien auch genau das Szenario vorhersehen konntest, das dann am Schluss eingetreten ist, lädst du keine Schuld auf dich. Du hast die Entscheidung, etwas trotzdem zu tun, dich so und so zu verhalten, ja nicht getroffen, weil du überzeugt warst, dass du dann in der Situation landest, sondern, weil da eine Hoffnung war, dass es auch anders laufen könnte. Da war ein Wunsch nach einer Erfahrung, einer Selbstverwirklichung oder was auch immer. Hättest du schwarz auf weiß gehabt, dass in X Tagen, Y passieren wird, hättest du dich eventuell umentschieden, anders verhalten. Das meine ich mit, wir können nicht hellsehen.


Solange du nicht Hellsehen kannst, kannst du indem Kontext keine Schuld auf dich laden. Hab Mitgefühl mit dir selber, falls du sie trotzdem fühlst und schau, ob du diesem Gefühl erklären kannst, dass es aus einer anderen Zeit kommt und nichts mit der realen Situation zu tun hat.


Das Leben ist leider immer wieder unfair. das gehört zum 'Erwachsenen sein' dazu. Das kann super frustrierend sein, hilfos und/oder würtend machen. Diese Gefühle gehören zum normalen Spektrum und zum menschlichen Erleben ein Stück weit dazu. Je besser du diese halten und anwesend lassen sein kannst, ohne ihren Geschichten zu glauben oder dir die Schuld zu geben, umso höher ist deine Frustrationstoleranz.



#2 Woher kommt das, dass wir solche Gedanken und Gefühle haben?


Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin, gerade unter Sängern und Menschen, die mit ihrem Körper arbeiten. Krank-sein ist im emotionalen Erleben oft gleichgesetzt mit Versagen. Wenn der Körper und die Stimme nicht mehr funktioniert, dann können wir nicht mehr arbeiten. Das kann sofort Existenzängste triggern und verleitet uns, unseren Körper als Arbeitsmaterial und Werkzeug zu betrachten, statt als Ort, der es uns möglich macht, zu existieren und uns auszudrücken.


Ich beschreibe mal eine fiktive Situation so simpel wie möglich:

Montags morgens wache ich auf, mit einem dicken Hals und kitzelnden Stimmbändern. Am Donnertag habe ich eine Vorstellung und ich fühle jetzt schon, dass ich bis dahin bestimmt nicht fit sein werde. Außerdem kann ich kaum einschätzen, ob ich "fit genug" sein werde, um überhaupt aufzutreten.

Ich gehe in den "Lösungs-Modus", trinke Tee, mache Nasendusche, nehme Vitamine, mache einen Termin bei meiner HNO-Ärztin, sage alles andere ab, setze mich auf die Couch und verordne mir Entspannung.

Auf emotionaler Ebene passiert vielleicht etwas ähnliches, wie das hier:

Da ist ganz viel Wut und Verzweiflung mit Gedanken wie, warum ich, warum jetzt.

Die Wut richtet sich gegen mich mit Gedanken wie, das hätte ich besser machen müssen.

Da ist Entspannung und ein "Der Situation ergeben" mit Gedanken wie, jetzt kann ich ja eh nichts mehr ändern.

Da ist Angst, dass ich nicht weiß, was mich erwartet und wie lange das alles geht.


Scham ist einagierte Wut.


Vielleicht ist dir aufgefallen, dass ich gar nicht von Scham und Schuld gesprochen habe. Scham ist einagierte (gegen dich selbst gerichtete) Wut. Scham ist notwendig, damit wir schnell lernen in gefährlichen Situationen. Wenn zB. ein Kind seine Hand an einer Kerze verbrennt und sich danach dafür schämt, wird diese Erfahrung so schnell und stark im Gehirn eingebrannt, dass es ab jetzt sehr vorsichtig mit Feuer sein wird. In diesem Kontext ist Scham sehr gut und wichtig.

Wird ein Kind oder Mensch allerdings beschämt, also in seinem Wert herabgesetzt für etwas, was er gemacht hat, weil er einen Fehler gemacht hat, sprechen wir von toxischer Scham. Dabei entsteht eine Verschiebung von:

Ich habe einen Fehler gemacht, das war schlecht und ich werde daraus lernen.

hin zu:

Ich habe einen Fehler gemacht, also bin ich schlecht/ein schlechter Mensch und immer, wenn ich Fehler mache bekomme ich den Beweis dafür, dass ich schlecht bin.


Schuld in dem Zusammenhang bedeutet, dass jemand sagt, dass du die alleinige Verantwortung für diesen Fehler hast (was objektiv nicht stimmt, außer wir sprechen von Erwachsenen, die für Kinder verantwortlich sind).


Fakt ist, die Welt kann ganz schön ungerecht sein. Es macht total Sinn, dass wir wütend sind, wenn wir krank werden. Dass wir uns dafür entscheiden, die Wut auf uns selbst zu richten ist etwas, das wir gelernt bekommen haben. Eine natürlichere, "gesündere" Reaktion wäre, wütend auf "die Welt" zu sein oder einfach nur Wut zu fühlen, sie (sicher) raus zulassen, ohne ihr eine Bedeutung und Wichtigkeit zuzuschreiben. Wut ist eine natürliche Reaktion auf unangenehme Umstände, die gegen unsere Bedürfnisse gehen. Diese Wut (aus)halten zu können, ohne sie tobend auszuagieren, total verzweifelt oder betäubt zu sein, nennt sich Frustrationstoleranz.

Es ist auch wahr, dass krank sein, sehr viel Verunsicherung und Unberechenbares mit sich bringt. Auch diesen Punkt können wir anerkennen und müssen ihn nicht bekämpfen.

Das mit dem "Ergeben" ist manchmal ein bisschen tricky. Ergeben und hingeben sind nicht die selben Sachen. Wenn wir uns Ergeben bedeutet das, dass wir quasi den Druck und die Spannung fühlen, damit innerlich wie auf Distanz gehen, und uns dazu "zwingen", ruhig zu bleiben, nicht zu handeln, erst mal abzuwarten. Hingeben bedeutet, dass wir den Druck, die Spannung wahrnehmen und anwesend sein lassen, diesem Gefühl mit Verständnis begegnen und darin Entspannung suchen.



Je mehr Druck du verändern kannst/reduzieren kannst und je mehr Verständnis du für dich in der Situation haben kannst, umso schneller wird dein Körper regenerieren können.



#3 Drei Fragen und Kernthemen, um ganz konkret für dich etwas zu verändern


Wenn du bis hier gelesen hast, dann scheinst du dich selbst ein Stück weit in alle dem wiederzuerkennen. Je mehr wir aufgeben können, dass 'Krank-sein' etwas mit unserer Person, unserem Wert, unserer Kompetenz oder unsrem Beruf, unserer SängerInnen-Identität zu tun hat, umso mehr wird sich der Körper entspannen und gesund werden können.


Dafür habe ich hier ein paar Sätze für dich aufgeschrieben, mit denen du auf körperlicher und emotionaler Ebene forschen kannst. Schau, dass du dich an einen gemütlichen Ort setzt. Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Körper, da, wo du deine Sitzfläche spürst, und auf deine Atmung, wie sie deinen Körper bewegt. Scanne einmal, wieviele Empfindungen du in deinen Armen, Beinen, Körpermitte und Kopf wahrnehmen kannst. Wenn du das Gefühl hast, genug Daten gesammelt zu haben, dann stelle dir mal folgende Fragen/Aussagen. Beobachte dabei, wie dein Körper sich verändert, irgendwelche Regungen, Temperatur veränderungen, Zuckungen oder ähnliches passieren.


1. Was passiert, wenn ich den „Kampf“ gesund zu sein, aufgebe? Welcher Teil in mir entspannt sich dann? Und welcher Teil hat „Druck“ ausgeübt?


Was fühlst du? Wenn der Teil, der Druck ausübt, sprechen könnte, welches Bedürfnis hat er dann? Wenn der Teil, der sich endlich entspannen kann, sprechen könnte, welches Bedürfnis hat er dann?

Es könnte sowas wie, 'nie wieder etwas tun', 'geborgen und versorgt fühlen' kommen. Schau mal, ob du dir dieses Bedürfnis auf irgendeine Art schon heute ein Stück weit erfüllen kannst. Auch wenn es nur 20% sind, von dem, was du eigentlich vielleicht gerne hättest. ZB Essen bestellen, einer lieben Person erzählne, wie es dir wirklich geht, hilfe annehmen, leise Musikauflegen und dich fest in eine Decke einwickeln, deinen Lieblingstee machen.


Kannst du das reinlassen? Kannst du während du das tust/empfängst fühlen, dass du dir damit gerade ein Bedürfnis erfüllst und dass dir das zusteht, dass du das verdienst und haben darfst?


2. Kann ich irgendwo Wut fühlen?


Gibt es irgendwo in dir einen Ort, wo Wut und/oder Frustration anwesend ist? Kannst du die Energie fühlen? Vielleicht möchte die gerne raus oder bewegt werden. Schau mal, ob dir dein Körper sagt, weche Bewegung er damit gerne ausführen würde.

Hier habe ich ein paar sichere Optionen für dich. Verbinde dich mit der Energie und:

tanze

  • Boxe in die Luft, in ein weiches Kissen

  • trete, kicke in die Luft

  • schiebe eine Wand weg; drücke mit beiden Händen gegen eine stabile Wand und erhöhe graduel den Druck, bis du merkst, dass sich viele Musklen in deinem Körper anspannen und es anstrengend wird

  • renne auf der Stelle, bis es anstrengend wird


Wenn du genug hast, dann beobachte, wie dein Atem sich entschleunigt und wie wieder Ruhe in den Körper einkehrt. Wiederhole das, so oft du das brauchst.


Erfüllst du dir deine Bedürfnisse?


Ich bin der Meinung, dass 'Krank-sein' immer ein Stück weit dafür steht, dass wir zu viele Bedürfnisse nicht erfüllt bekommen und dass der Körper gewisse Emotionen und Veränderungen nicht mehr halten kann, also buchstäblich überlastet ist. Je mehr wir ihm auch auf der Ebene helfen können, umso besser fühlt sich 'Krank-sein' an und oft zieht der Körper hinter her und regeneriert schneller.

Eine Frage, die ich mir daher immer stelle ist:

3. Wo dient es mir, dass ich krank bin? Welche konkreten Bedürfnisse erfülle ich mir damit?


Solltest du gerade krank sein, während du das liest, wünsche ich dir eine schnelle Genesung und viele erfüllte Bedürfnisse. Denn auch das geht vorbei, du wirst regenrieren, du wirst wieder arbeiten, du wirst wieder selbstwirksam sein und du wirst all die Projekte angehen, die dich gerade unruhig werden lassen. Nur eben nicht heute. Heute ist Ruhe und Pause. Das darf und muss sein.



Falls du mehr über deine Wut und deinen Körper lernen möchtest, dann schau doch mal bei meinem nächsten Gruppenprogramm vorbei Grundlagen der Selbstregulation oder schreib mir eine Nachricht! Ich freue mich, von dir zu hören.

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